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Spielplan für September 2019

„Woher hast du die wahnsinnigen Rechte genommen, denen du dein Leben verschrieben hast?“, fragt George Sand den Legendären. Gottfried Benn vertraut er beiläufig an: „Mir träumte einmal, eine junge Birke schenkte mir einen Sohn.“ Keine andere Kunstfigur der Neuzeit hat mehr publizistische Aufmerksamkeit erfahren als Don Juan, jener „Verführer von Sevilla“, der 1613 aus der Feder eines spanischen Mönchs floh. Nur sieben Jahre jünger als sein Landsmann Don Quijote bahnt er sich seither seinen Weg durch Dramen, Epen, Romane und Opern, geistert über Kinoleinwände und Plasmabildschirme. Vor wechselnden moralischen Hintergründen prahlt er – Mahnmal und Ikone – mit seiner berühmten Liste, angelegt gegen den Tod, den er als steinernen Schatten wirft. „Mein soll die Hölle sein!“, hörte ihn Lord Byron sagen. Ein schneidender Akkord eröffnet am 29. Oktober 1787 im Gräflich Nostizschen Nationaltheater in Prag unter der Leitung des Komponisten die Ouvertüre zu einem Dramma giocoso über den Todeslauf von DON GIOVANNI. In der Geschichte des Musiktheaters ist dieser Augenblick nachträglich mit dem Urknall zu vergleichen. Um sich in die Figur des zügellosen Wüstlings und Gotteslästerers versetzen zu können, musste sich Textdichter Lorenzo da Ponte immer wieder durch Flirts mit der Tochter seiner Wirtin in Stimmung bringen. Mozart selbst, im Jahr zuvor mit seinem FIGARO erfolgreich, komponiert für 1000 Gulden Gage unter großem Zeitdruck. Die Ouvertüre wird erst am Tag der Uraufführung um 7 Uhr abends fertig. Einen „Blitz“ sieht Søren Kierkegaard, der „aus dem Dunkel der Wetterwolke sich löst, unsteter als dieser und doch ebenso taktfest. Höre der Leidenschaft zügelloses Begehren, höre das Rauschen der Liebe, höre das Raunen der Versuchung, höre den Wirbel der Verführung, höre des Augenblicks Stille – höre, höre, höre Mozarts Don Juan!“ Die Höllenfahrt, zu der der Archetyp sittlicher Verwerflichkeit bislang verurteilt war, fährt ihm diesmal als Seele ein. Für sein Ende wird zwar die ganze abendländische Metaphysik bemüht, doch bestätigt es nicht mehr allein die Gerechten in ihrer Entrüstung, sondern stiftet Betroffenheit. Die Freiheit, die der Libertin wider die verordnete Demut preist, macht ihn an der Schwelle zur Französischen Revolution zum anarchischen Prototyp. In seiner Zügellosigkeit, als Lebensentwurf aus dem Diktat der Hormone geschält, können sich triebhafte Sehnsüchte und Selbstverwirklichungsphantasien nachfolgender Generationen spiegeln. Das 19. Jahrhundert wird ihn mit Faust verschwägern, um ihn dann sinnbeschwert der Psychoanalyse zu überlassen. Julia Kristeva ortet in ihm den „Sohn einer Mutter, die bei ihrem Gatten zur Träumerin wird und an ihren Kleinen weitergibt, er möge alle Frauen so erobern, wie keiner sie selbst je erobert hat“. Dass er traurig sein könnte, hält Albert Camus für unwahrscheinlich. Wie das „Lachen, die sieghafte Frechheit, das Sprunghafte“, das zutiefst Irdische, das der französische Philosoph an ihm diagnostiziert, doch täuschen kann! – Mit D.H. Lawrence sinniert der Ruhelose: „Wo gibt es Frieden für mich? Das Mysterium muss in mich verliebt sein …“ Was treibt den Verführer durch die Schlafzimmer der Jahrhunderte? Was jagt den Jäger? Wer ist dieser Mann, der immer nur bedeutet, wirklich? * * * DIE HANDLUNG (Roland Schwab, Christian Baier) Erster Teil – DIE OHNMACHT DER FREIHEIT Aus dem Dunkel kommend – Don Giovanni. Viele Gesichter hat der „Verführer aller Verführer“ mit den Jahren bekommen! Wer aber ist er wirklich? 7. Das Donna-Anna-Syndrom So will es die Story: Don Giovanni tötet den Vater seiner Geliebten Donna Anna. Wie oft hat er das schon getan! Neben der Leiche lässt er eine rätselhafte Karte zurück. Der Countdown läuft … Donna Anna verschweigt ihrem Bräutigam, Don Ottavio, ihr Verhältnis mit Don Giovanni. An der Leiche ihres Vaters schwört sie Vergeltung. Rache heißt fortan das Mantra ihres schlechten Gewissens. 6. Der Donna-Elvira-Komplex So sieht es das Libretto vor: Donna Elvira, eine „abgelegte“ Geliebte, stellt Don Giovanni zur Rede. Leporello, sein Diener, führt ihr vor Augen, wie unbedeutend ihr persönlicher Schmerz ist, gemessen an der Unzahl gebrochener Herzen, die Don Giovannis Lebensweg pflastern. Eine geheimnisvolle Karte ist auch für Donna Elvira bestimmt … 5. Die Zerlina-Situation So bestimmt es die Dramaturgie: Hochzeit von Zerlina und Masetto. Vor Augen Donna Elviras und des Bräutigams verführt Don Giovanni – sein Image verlangt es – die Braut. Und spielt eine weitere seiner merkwürdigen Karten aus … In Donna Elvira und Masetto finden Donna Anna und Don Ottavio Verbündete für ihre Rache an Don Giovanni. Zerlina soll der Lockvogel sein. Die Freiheit feiert ihr Fest. In Verkleidung verschaffen sich die Rächer Zutritt und stellen Don Giovanni. Bereitwillig beugt er sein Haupt unter das Schwert, das Don Ottavio gegen ihn erhebt. Nun ist alles zu Ende! Lange hat er auf diesen Augenblick gewartet. Doch Hoffnung ist ein Witz ohne Pointe. Das Chaos, sein Weggefährte seit Jahrhunderten, schlägt über ihm zusammen. Zweiter Teil – DIE LETZTE VERSUCHUNG 4. Innocentia Der Morgen danach. Ein Mädchen. Tote Menschen wiegen schwerer als gebrochene Herzen. Drei Karten sind noch übrig … 3. Stunde der Komödianten So braucht es das „Dramma giocoso“: Als Don Giovanni verkleidet soll Leporello Donna Elvira ablenken. Die Verwechslungskomödie nimmt ihren Lauf. Don Giovanni lockt Masetto in eine Falle. – Zwei Karten bleiben noch … Leporello fliegt auf. Knapp entkommt er den Rächern. 2. Master of Horror Auf dem Friedhof. Die Stimme des toten Komturs. Don Giovanni bittet den Toten zu einem Abendmahl. Zum finalen, wie er hofft. Die Weichen für das Jüngste Gericht sind gestellt … Auf den Trümmern ihrer Beziehung fügen sich Donna Anna, verbissen in ihre Lebenslüge, und Don Ottavio, einen unausgesprochenen Verdacht in sich, in die sanften Schrecken, die ihre kalte Ehe für sie bereithält. Eine Karte hält Don Giovanni noch in der Hand. – Der letzte Trumpf … 1. Das Don-Giovanni-Prinzip Don Giovanni erwartet seinen wahren Richter. Vergeblich beschwört ihn Donna Elvira, von seinem Vorhaben abzulassen. Zu viel aber ist schon gesagt, gedichtet, geschrieben über ihn. Jahrhunderte der Deutungen lassen keinen Spielraum. Auf dem Schienenstrang der Interpretationen treibt Don Giovanni seinem vorbestimmten Ende entgegen. Schon ruft ihn das Strafgericht auf die Anklagebank. Himmel und Hölle werfen den Motor des Untergangs an. Die letzte Karte ist gezückt. Wem gilt sie? Der Countdown ist zu Ende. – Und wieder ist nichts geschehen. Die wahre Hölle ist die Wiederholung. Ins Dunkel gehend, der nächsten Deutung zu – Don Giovanni …


Kategorie: Oper

Rund 550 festangestellte Mitarbeiter und viele Gastkünstler sorgen täglich auf, vor und hinter der Bühne dafür, dass an der Deutschen Oper Berlin „der Lappen hochgeht“ und das Publikum das Haus um unvergessliche Eindrücke reicher wieder verlässt. Alle können wir Ihnen in der Veranstaltungsreihe OPERNWERKSTATT nicht auf einmal vorstellen. Doch wer die OPERNWERKSTATT regelmäßig besucht, wird sie allmählich kennenlernen: die klugen Köpfe, die hinter dem Gesamtkunstwerk Oper stecken, die Träume, Gedanken, Gefühle und Ambitionen, die sich mit ihm verbinden. Die OPERNWERKSTATT bringt Sie ins Gespräch mit Regisseuren, Dirigenten, Sängern, mit der Studienleiterin, Dramaturgen, Theatermachern. Jeder Termin beginnt mit dem Besuch einer szenischen oder musikalischen Probe. Nach dem Blick in die Werkstatt stellen wir Ihnen das entstehende Projekt vor und beantworten Ihre Fragen. Damit Sie sehen, was uns bewegt.


Kategorie: Crossover

Ein kompliziertes Netz von Intrigen, eine eifersüchtige Prinzessin, ein vergifteter Veilchenstrauß und eine begnadete Künstlerin, um deren Tod sich düstere Legenden ranken: Nichts Geringeres verwandelte Eugène Scribe in sein Theaterstück über Adrienne Lecouvreur, die bedeutendste Schauspielerin des frühen 18. Jahrhunderts. Seine dramatische Studie des verruchten, kunstsinnigen Ancien Régime von 1849 verarbeitete Francesco Cilea gut 50 Jahre später zu seiner wohl berühmtesten Oper ADRIANA LECOUVREUR. In der atemraubend unübersichtlichen Intrigenhandlung streiten sich Adriana und ihre Rivalin, die eifersüchtige Prinzessin Bouillon, um die Liebe des Grafen Maurizio, des historischen Grafen Moritz von Sachsen. Zwar rügten Kritiker schon bei der Uraufführung 1902 das nach Verismo-Maßstäben unwahrscheinliche Ende der Schauspielerin, die ein vergifteter Strauß Blumen zur Strecke bringt. Doch nicht zuletzt die lyrischen, virtuosen Gesangspartien machen das Stück bis heute zu einem unangefochtenen Klassiker der Opernliteratur. Vor allem die Titelpartie der Adriana gilt als Meisterstück jeder großen Sopranistin. Anna Netrebkos berührende Interpretation der Adriana ist auf den großen Bühnen der Welt von Wien bis New York Legende. An der Seite ihres Mannes Yusif Eyvazov als Graf Maurizio präsentiert sie sich nun an der Deutschen Oper Berlin in einer ihrer Paraderollen. Michelangelo Mazza leitet den konzertanten Abend am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin.


Kategorie: Oper

Ein kompliziertes Netz von Intrigen, eine eifersüchtige Prinzessin, ein vergifteter Veilchenstrauß und eine begnadete Künstlerin, um deren Tod sich düstere Legenden ranken: Nichts Geringeres verwandelte Eugène Scribe in sein Theaterstück über Adrienne Lecouvreur, die bedeutendste Schauspielerin des frühen 18. Jahrhunderts. Seine dramatische Studie des verruchten, kunstsinnigen Ancien Régime von 1849 verarbeitete Francesco Cilea gut 50 Jahre später zu seiner wohl berühmtesten Oper ADRIANA LECOUVREUR. In der atemraubend unübersichtlichen Intrigenhandlung streiten sich Adriana und ihre Rivalin, die eifersüchtige Prinzessin Bouillon, um die Liebe des Grafen Maurizio, des historischen Grafen Moritz von Sachsen. Zwar rügten Kritiker schon bei der Uraufführung 1902 das nach Verismo-Maßstäben unwahrscheinliche Ende der Schauspielerin, die ein vergifteter Strauß Blumen zur Strecke bringt. Doch nicht zuletzt die lyrischen, virtuosen Gesangspartien machen das Stück bis heute zu einem unangefochtenen Klassiker der Opernliteratur. Vor allem die Titelpartie der Adriana gilt als Meisterstück jeder großen Sopranistin. Anna Netrebkos berührende Interpretation der Adriana ist auf den großen Bühnen der Welt von Wien bis New York Legende. An der Seite ihres Mannes Yusif Eyvazov als Graf Maurizio präsentiert sie sich nun an der Deutschen Oper Berlin in einer ihrer Paraderollen. Michelangelo Mazza leitet den konzertanten Abend am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin.


Kategorie: Oper

Als erste „moderne“ Oper, die aus Ideen und nicht aus einzelnen Nummern bestünde, ordnete Giuseppe Verdi selbst seine 1862 uraufgeführte FORZA DEL DESTINO ein. Tatsächlich bezieht das gesamte Werk seine Antriebskraft aus der Polarität zweier entgegengesetzter Gefühlswelten, die die Hauptfiguren geradezu obsessiv beherrschen: Auf der einen Seite die vermeintliche Schuld am Tode von Leonoras Vater, die auf ihr und ihrem Geliebten Alvaro lastet. Auf der anderen Seite der Rachedurst, der Leonoras Bruder Carlo dazu treibt, die beiden über alle Grenzen hinweg zu verfolgen. Über drei Stunden hinweg entspinnt sich eine bedingungslose Verfolgungsjagd, die die drei Hauptfiguren durch eine Welt führt, die immer mehr aus den Fugen gerät. In wüsten Massenszenen erleben wir eine enthemmte Gesellschaft, in der nur noch das blanke Überleben zählt und die Gewalt jegliche Moral ersetzt hat. Selbst die Autorität der Kirche, in deren Armen Leonora und Alvaro Schutz suchen, erweist sich als brüchig und ist der „Macht des Schicksals“, der Energie des Bösen unterlegen. Damit ist LA FORZA DEL DESTINO Verdis verstörendste Oper, deren Aktualität auch im 21. Jahrhundert immer wieder durch neue Bürgerkriege und Gewalttaten bekräftigt wird. Die letzte Inszenierung dieses Werks an der Deutschen Oper Berlin ist Legende: Hans Neuenfels’ radikal aktualisierte Version polarisierte 1982 das Publikum. Nun setzt sich ein weiterer großer deutscher Regisseur mit dem Stoff auseinander: Frank Castorf, der ein Vierteljahrhundert mit seinen Inszenierungen an der Volksbühne Theatergeschichte schrieb und sich in den vergangenen Jahren u.a. mit seinem Bayreuther RING DES NIBELUNGEN stärker dem Musiktheater zugewandt hat, legt mit LA FORZA DEL DESTINO nun endlich auch seine erste Opernregie in Berlin vor.


Kategorie: Oper

Es kann beruhigend sein zu wissen, dass die Tränen, die auf der Bühne vergossen werden, falsch sind, dass die Gefühle nur gespielt sind und die Schmerzen von den Darstellern nicht wirklich durchlitten werden. Beruhigung aber ist nicht die Sache der jungen italienischen Komponisten an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, im Gegenteil: aufrütteln wollten sie die Zuschauer, sie hineinziehen in den Strudel der Gefühle, sie überrumpeln mit den komischen und tragischen Wendungen, die ihre dem Leben abgeschauten Geschichten nehmen. In der literarischen Bewegung des ‚verismo’ [abgeleitet aus ‚il vero’ = das Wahre/die Wahrheit] fanden sie ihr Anliegen vorgeformt, und es ist nur konsequent, dass Pietro Mascagni als Vorlage für seinen Erstling eine Novelle von deren Hauptvertreter Giovanni Verga auswählte. Cavalleria rusticana [der deutsche Titel ist: Sizilianische Bauernehre] hatte seine Bühnentauglichkeit schon in einer Dramatisierung unter Beweis gestellt, die auch in Mascagnis Heimatstadt Livorno gezeigt wurde. 1880 war die Erzählung erschienen in der Sammlung Vita dei campi, was eigentlich Leben auf dem Lande heißt, wegen der Herkunft des Autors in der deutschen Übersetzung jedoch meist Sizilianische Dorfgeschichten genannt wird. Mühelos gewann Mascagni mit seinem Erstling den Kompositionswettbewerb, den der Verleger Sonzogno 1888/89 für Operneinakter ausgeschrieben hatte. Die überaus erfolgreiche Uraufführung im römischen Teatro Costanzi am 17. Mai 1890 darf als Geburtsstunde des musikalischen ‚verismo’ gelten. Zwei Jahre später erst schrieb Ruggero Leoncavallo die Kurzoper PAGLIACCI mit dem berühmten Prolog. Der deutsche Titel DER BAJAZZO setzt richtigerweise die Hauptfigur in die Einzahl, die Mehrzahl im italienischen Original wurde von dem berühmten Sänger Victor Maurel erzwungen, der als Tonio den Prolog zu singen hatte und dessen Rolle sonst im Titel des Werks nicht erschienen wäre. Der gesungene Prolog enthalt das Credo des ‚verismo’: „Der Künstler ist ein Mensch und muss für Menschen schreiben. [...] Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut und wir atmen genauso wie Ihr den Hauch dieser verlorenen Welt.“ Der dialektische Kunstgriff Leoncavallos ist, dass in seiner den „Vermischten Meldungen“ einer Zeitung ähnelnden Geschichte die Tragödie sich gerade deshalb zuspitzt, weil der Darsteller des Bajazzo Spiel und Ernst nicht mehr zu trennen vermag. Die Kombination dieser beiden Kulminationspunkte des musikalischen „verismo“ zum Doppelabend, im Englischen mit dem Kürzel CAV & PAG versehen, hat sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts eingebürgert. Wie Zwillinge gleichen sie sich und konnten doch nicht unterschiedlicher sein: die Ouvertüre wird durch Gesang unterbrochen, ein Zwischenspiel verbindet die beiden Akte [ja, natürlich ist CAVALLERIA RUSTICANA auch ein Zweiakter, nur die Wettbewerbsbedingungen forderten, dass auf dem Titelblatt ‚in einem Akt’ steht!], süditalienisches Ambiente in der Gegenwart der Autoren, Genreszenen der Chöre mit Beschreibung von Orangenduft oder Kirchenglocken. Sonst aber: spätes Aufblühen von Belcanto bei Mascagni, Leitmotive und vielfältige Orchestereffekte bei Leoncavallo, Dominanz der Kirche und der engstirnigen Moral fast wie bei Garcia Lorca hier und pralles Leben mit Lust auf Zerstreuung dort.


Kategorie: Oper

Unsere Führungen durch das Zuschauerhaus und über die Bühnen sowie durch die Probenräume und das Bühnenbildmagazin der Deutschen Oper Berlin vermitteln Ihnen spannende Eindrücke und Wissenswertes über die Deutsche Oper Berlin und den Alltag hinter den Kulissen. Welches architektonische Konzept verbirgt sich hinter der langen Waschbeton-Fassade an der Bismarckstraße? Wie entsteht ein Bühnenbild? Wie laufen Proben ab? Erfahren Sie außerdem Details zur bewegten Geschichte des Hauses, das heute mit seinen modernen Neuinszenierungen und den frühen Repertoireschätzen einen Querschnitt durch über 40 Jahre Inszenierungs- und Aufführungspraxis zu bieten hat.


Kategorie: Crossover

Als erste „moderne“ Oper, die aus Ideen und nicht aus einzelnen Nummern bestünde, ordnete Giuseppe Verdi selbst seine 1862 uraufgeführte FORZA DEL DESTINO ein. Tatsächlich bezieht das gesamte Werk seine Antriebskraft aus der Polarität zweier entgegengesetzter Gefühlswelten, die die Hauptfiguren geradezu obsessiv beherrschen: Auf der einen Seite die vermeintliche Schuld am Tode von Leonoras Vater, die auf ihr und ihrem Geliebten Alvaro lastet. Auf der anderen Seite der Rachedurst, der Leonoras Bruder Carlo dazu treibt, die beiden über alle Grenzen hinweg zu verfolgen. Über drei Stunden hinweg entspinnt sich eine bedingungslose Verfolgungsjagd, die die drei Hauptfiguren durch eine Welt führt, die immer mehr aus den Fugen gerät. In wüsten Massenszenen erleben wir eine enthemmte Gesellschaft, in der nur noch das blanke Überleben zählt und die Gewalt jegliche Moral ersetzt hat. Selbst die Autorität der Kirche, in deren Armen Leonora und Alvaro Schutz suchen, erweist sich als brüchig und ist der „Macht des Schicksals“, der Energie des Bösen unterlegen. Damit ist LA FORZA DEL DESTINO Verdis verstörendste Oper, deren Aktualität auch im 21. Jahrhundert immer wieder durch neue Bürgerkriege und Gewalttaten bekräftigt wird. Die letzte Inszenierung dieses Werks an der Deutschen Oper Berlin ist Legende: Hans Neuenfels’ radikal aktualisierte Version polarisierte 1982 das Publikum. Nun setzt sich ein weiterer großer deutscher Regisseur mit dem Stoff auseinander: Frank Castorf, der ein Vierteljahrhundert mit seinen Inszenierungen an der Volksbühne Theatergeschichte schrieb und sich in den vergangenen Jahren u.a. mit seinem Bayreuther RING DES NIBELUNGEN stärker dem Musiktheater zugewandt hat, legt mit LA FORZA DEL DESTINO nun endlich auch seine erste Opernregie in Berlin vor.


Kategorie: Oper

Seit seiner Uraufführung am 18. Juni 1821 im Schauspielhaus Berlin fasziniert Carl Maria von Webers FREISCHÜTZ Zuschauer und Künstler. Als erste deutsche Nationaloper immer wieder als naive Spukerzählung in einer vermeintlich idyllischen Jäger- und Bauernwelt rezipiert, brechen sich in der zentralen Wolfsschluchtszene für alle hörbar die Nachtseiten des Lebens ihre Bahn. „Das ist nicht der Böhmerwald, wo meine Wiege stand, sondern beginnendes Grauen, Zauber aus der Frühzeit der entzauberten Welt“, schrieb schon 1962 Theodor W. Adorno. Max kann nicht mehr: Aufgerieben zwischen Erfolgsdruck und Erwartungshaltungen rettet er sich in die Wolfsschlucht. Dort, des Nachts im verbotenen Wald, passiert das Unerhörte, Unerwartete – der Bund mit dem Teufel selbst. Sieben Freikugeln scheinen Max’ Ausweg zu sein und ziehen ihn doch nur tiefer ins Verderben. In der Wolfsschluchtszene verschmilzt Weber Melodram, Naturbeschreibung und großes Opernfinale – als genuine Theatermusik schreit diese Partitur nach szenischer Radikalität. Ausgehend von Friedrich Kinds FREISCHÜTZ-Libretto und Webers Musik nähern sich Komponist Malte Giesen und Regisseur Paul-Georg Dittrich den Schattenseiten unserer Wünsche an. Sieben Kugeln werden Max versprochen, sieben Stationen hat der Musiktheaterabend in der Tischlerei. Mit drei Sängern, Kinderchor, zwei Hörnern, Klavier und Elektronik werden die Aggregatzustände von Wut, Trauer, Angst und Hoffnung erfahrbar gemacht.


Kategorie: Oper

König Gustaf III. hält seine Morgenaudienz, als wäre es eine Theatervorstellung. Der Page Oskar überreicht dem König die Gästeliste eines bevorstehenden Maskenballs. Gustaf entdeckt darauf den Namen Amelias, der Frau seines besten Freundes René Anckarström, die er heimlich liebt. Eine Verschwörung gegen den König bahnt sich an. René warnt ihn, aber der König unterschätzt die Gefahr. Auch den Orakelspruch der Wahrsagerin Ulrika, die ihm weissagt, dass er getötet werden wird von dem, der ihm zuerst die Hand reichen wird, nimmt er nicht ernst, ist es doch sein Freund René Anckarström, der ihn mit Handschlag begrüßt. Als sich Gustaf und Amelia um Mitternacht auf der Richtstätte ihre Liebe gestehen, taucht René unerwartet auf, um den Freund erneut zu warnen. Er tauscht den Mantel mit dem König, damit dieser unerkannt fliehen kann und verspricht, die verschleierte Unbekannte zurück zur Stadt zu geleiten. Die Verschwörer kommen und greifen den vermeintlichen König an. René gibt sich zu erkennen. Seine Frau Amelia wirft sich zwischen die Kämpfenden und lässt dabei ihren Schleier fallen. Als betrogener Ehemann verspottet, will sich René den Verschwörern anschließen. Als der Page Oskar des Königs Einladung zum Maskenball bringt, beschließt er, den Ball für Gustaf zum Totentanz werden zu lassen, ohne zu wissen, dass sich der König bereits gegen die Liebe und für die Pflicht entschieden hat. Als er von Amelia Abschied nimmt, wird er von René erschossen. UN BALLO IN MASCHERA gilt als Musterbeispiel für Verdis neue Ästhetik der verità, die ein breites Spektrum musikalisch-dramatischer Facetten entwickelt. Der tragischen Liebesbeziehung zwischen König Gustaf III. und Amelia, die einem Verhängnis gleicht, wird als Kontrapunkt die strahlende Hofatmosphäre, vor allem repräsentiert durch den Pagen Oskar, gegenübergestellt. Dramatischer Höhepunkt ist das Finale des 3. Aktes: Auf dem Maskenball der Hofgesellschaft finden sich mit dem Grafen René Anckarström auch die Verschwörer ein, die beiden Handlungsstränge durchdringen sich gegenseitig. Vor dem Hintergrund eleganter Tanzmusik entwickelt sich die Katastrophe. Die letzte Begegnung zwischen Amelia und Gustaf wird begleitet von einem stilisierten Menuett, nur einmal unterbrochen durch eine angstgeladene Musik, wenn Amelia um das Leben des Geliebten fürchtet. Die zwischen Begehren und Gewissensqual wechselnden Gefühle der beiden Hauptfiguren spiegelt die Vielfalt der musikalischen Gestaltung: musikalische Kontraste, scharfe Punktierungen und Synkopenbildungen bringen die Intensität der Gefühle zum Ausdruck. Das Drama vollzieht sich vor allem in der Musik. Götz Friedrich und seine beiden Ausstatter lassen es darüber hinaus durch ihre Bühnengestaltung und eine ausgefeilte Personenregie auch auf der Bühne sicht- und erfahrbar werden.


Kategorie: Oper

Es kann beruhigend sein zu wissen, dass die Tränen, die auf der Bühne vergossen werden, falsch sind, dass die Gefühle nur gespielt sind und die Schmerzen von den Darstellern nicht wirklich durchlitten werden. Beruhigung aber ist nicht die Sache der jungen italienischen Komponisten an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, im Gegenteil: aufrütteln wollten sie die Zuschauer, sie hineinziehen in den Strudel der Gefühle, sie überrumpeln mit den komischen und tragischen Wendungen, die ihre dem Leben abgeschauten Geschichten nehmen. In der literarischen Bewegung des ‚verismo’ [abgeleitet aus ‚il vero’ = das Wahre/die Wahrheit] fanden sie ihr Anliegen vorgeformt, und es ist nur konsequent, dass Pietro Mascagni als Vorlage für seinen Erstling eine Novelle von deren Hauptvertreter Giovanni Verga auswählte. Cavalleria rusticana [der deutsche Titel ist: Sizilianische Bauernehre] hatte seine Bühnentauglichkeit schon in einer Dramatisierung unter Beweis gestellt, die auch in Mascagnis Heimatstadt Livorno gezeigt wurde. 1880 war die Erzählung erschienen in der Sammlung Vita dei campi, was eigentlich Leben auf dem Lande heißt, wegen der Herkunft des Autors in der deutschen Übersetzung jedoch meist Sizilianische Dorfgeschichten genannt wird. Mühelos gewann Mascagni mit seinem Erstling den Kompositionswettbewerb, den der Verleger Sonzogno 1888/89 für Operneinakter ausgeschrieben hatte. Die überaus erfolgreiche Uraufführung im römischen Teatro Costanzi am 17. Mai 1890 darf als Geburtsstunde des musikalischen ‚verismo’ gelten. Zwei Jahre später erst schrieb Ruggero Leoncavallo die Kurzoper PAGLIACCI mit dem berühmten Prolog. Der deutsche Titel DER BAJAZZO setzt richtigerweise die Hauptfigur in die Einzahl, die Mehrzahl im italienischen Original wurde von dem berühmten Sänger Victor Maurel erzwungen, der als Tonio den Prolog zu singen hatte und dessen Rolle sonst im Titel des Werks nicht erschienen wäre. Der gesungene Prolog enthalt das Credo des ‚verismo’: „Der Künstler ist ein Mensch und muss für Menschen schreiben. [...] Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut und wir atmen genauso wie Ihr den Hauch dieser verlorenen Welt.“ Der dialektische Kunstgriff Leoncavallos ist, dass in seiner den „Vermischten Meldungen“ einer Zeitung ähnelnden Geschichte die Tragödie sich gerade deshalb zuspitzt, weil der Darsteller des Bajazzo Spiel und Ernst nicht mehr zu trennen vermag. Die Kombination dieser beiden Kulminationspunkte des musikalischen „verismo“ zum Doppelabend, im Englischen mit dem Kürzel CAV & PAG versehen, hat sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts eingebürgert. Wie Zwillinge gleichen sie sich und konnten doch nicht unterschiedlicher sein: die Ouvertüre wird durch Gesang unterbrochen, ein Zwischenspiel verbindet die beiden Akte [ja, natürlich ist CAVALLERIA RUSTICANA auch ein Zweiakter, nur die Wettbewerbsbedingungen forderten, dass auf dem Titelblatt ‚in einem Akt’ steht!], süditalienisches Ambiente in der Gegenwart der Autoren, Genreszenen der Chöre mit Beschreibung von Orangenduft oder Kirchenglocken. Sonst aber: spätes Aufblühen von Belcanto bei Mascagni, Leitmotive und vielfältige Orchestereffekte bei Leoncavallo, Dominanz der Kirche und der engstirnigen Moral fast wie bei Garcia Lorca hier und pralles Leben mit Lust auf Zerstreuung dort.


Kategorie: Oper

Seit seiner Uraufführung am 18. Juni 1821 im Schauspielhaus Berlin fasziniert Carl Maria von Webers FREISCHÜTZ Zuschauer und Künstler. Als erste deutsche Nationaloper immer wieder als naive Spukerzählung in einer vermeintlich idyllischen Jäger- und Bauernwelt rezipiert, brechen sich in der zentralen Wolfsschluchtszene für alle hörbar die Nachtseiten des Lebens ihre Bahn. „Das ist nicht der Böhmerwald, wo meine Wiege stand, sondern beginnendes Grauen, Zauber aus der Frühzeit der entzauberten Welt“, schrieb schon 1962 Theodor W. Adorno. Max kann nicht mehr: Aufgerieben zwischen Erfolgsdruck und Erwartungshaltungen rettet er sich in die Wolfsschlucht. Dort, des Nachts im verbotenen Wald, passiert das Unerhörte, Unerwartete – der Bund mit dem Teufel selbst. Sieben Freikugeln scheinen Max’ Ausweg zu sein und ziehen ihn doch nur tiefer ins Verderben. In der Wolfsschluchtszene verschmilzt Weber Melodram, Naturbeschreibung und großes Opernfinale – als genuine Theatermusik schreit diese Partitur nach szenischer Radikalität. Ausgehend von Friedrich Kinds FREISCHÜTZ-Libretto und Webers Musik nähern sich Komponist Malte Giesen und Regisseur Paul-Georg Dittrich den Schattenseiten unserer Wünsche an. Sieben Kugeln werden Max versprochen, sieben Stationen hat der Musiktheaterabend in der Tischlerei. Mit drei Sängern, Kinderchor, zwei Hörnern, Klavier und Elektronik werden die Aggregatzustände von Wut, Trauer, Angst und Hoffnung erfahrbar gemacht.


Kategorie: Oper

Eine gute Tradition geworden sind die jährlichen Gastspiele der Deutschen Oper beim Musikfest Berlin im September. In diesem Jahr steht u. a. Hector Berlioz im Zentrum des großen Orchestergipfels zu Saisonbeginn – und Generalmusikdirektor Donald Runnicles spannt in seinem Programm dem Bogen vom jungen Berlioz und seinem großen Vorbild Beethoven bis zum gereiften Berlioz. Beethovens 1807 entstandene Ouvertüre zum Drama „Coriolan“ von Heinrich Joseph Collins ist die erste in einer Reihe von Schauspielmusiken, in denen Beethoven die Möglichkeiten des Programmatischen erforschte – die Zerrissenheit des titelgebenden römischen Feldherren zwischen Revolution oder Vaterlandsliebe setzt der Komponist kongenial in Musik um. Beethoven war eines der großen Vorbilder für den jungen Hector Berlioz – auch seine Kantate „Mort de Cléopatre“ kann diese Einflüsse nicht verhehlen. Entstanden ist das Werk als Wettbewerbsbeitrag für den renommierten Prix de Rome, den der 26-jährige Franzose mit dem kühnen Todesmonolog der ägyptischen Königin nicht erringen konnte. Doch korrespondiert dieses Jugendwerk auf spannende Weise mit Berlioz‘ späterem Opus magnum, der Grand Opéra LES TROYENS. Hier spannt der Komponist als sein eigener Librettist den Bogen vom Untergang Trojas bis zur tragischen Liebe zwischen Aeneas und Dido. Generalmusikdirektor Donald Runnicles hat aus dem zweiten Teil der Oper zentrale Szenen dieser großen Liebesgeschichte ausgewählt: Mit Ausschnitten aus der „Chasse Royale“, dem großen, Raum und Zeit entrückten Liebesduett zwischen Didon und Enée, der Abschiedsarie des nach Italien gerufenen Helden bis hin zum groß angelegten Tod der Dido werden die zentralen Momente der „Trojaner in Karthago“ zu Gehör kommen. An der Seite von Klaus Florian Vogt als Aeneas wird Susan Graham ihr Debüt mit dem Orchester der Deutschen Oper geben und die tragische Dido gestalten. Die amerikanische Mezzosopranistin ist gern gesehener Gast an der Metropolitan Opera und nur sehr selten in Europa zu Gast. Die britische Mezzosopranistin Alice Coote ist längst nicht mehr nur in der Barockoper zu Hause und wird Kleopatras Tod dramatische Größe geben.


Kategorie: Klassik

Als erste „moderne“ Oper, die aus Ideen und nicht aus einzelnen Nummern bestünde, ordnete Giuseppe Verdi selbst seine 1862 uraufgeführte FORZA DEL DESTINO ein. Tatsächlich bezieht das gesamte Werk seine Antriebskraft aus der Polarität zweier entgegengesetzter Gefühlswelten, die die Hauptfiguren geradezu obsessiv beherrschen: Auf der einen Seite die vermeintliche Schuld am Tode von Leonoras Vater, die auf ihr und ihrem Geliebten Alvaro lastet. Auf der anderen Seite der Rachedurst, der Leonoras Bruder Carlo dazu treibt, die beiden über alle Grenzen hinweg zu verfolgen. Über drei Stunden hinweg entspinnt sich eine bedingungslose Verfolgungsjagd, die die drei Hauptfiguren durch eine Welt führt, die immer mehr aus den Fugen gerät. In wüsten Massenszenen erleben wir eine enthemmte Gesellschaft, in der nur noch das blanke Überleben zählt und die Gewalt jegliche Moral ersetzt hat. Selbst die Autorität der Kirche, in deren Armen Leonora und Alvaro Schutz suchen, erweist sich als brüchig und ist der „Macht des Schicksals“, der Energie des Bösen unterlegen. Damit ist LA FORZA DEL DESTINO Verdis verstörendste Oper, deren Aktualität auch im 21. Jahrhundert immer wieder durch neue Bürgerkriege und Gewalttaten bekräftigt wird. Die letzte Inszenierung dieses Werks an der Deutschen Oper Berlin ist Legende: Hans Neuenfels’ radikal aktualisierte Version polarisierte 1982 das Publikum. Nun setzt sich ein weiterer großer deutscher Regisseur mit dem Stoff auseinander: Frank Castorf, der ein Vierteljahrhundert mit seinen Inszenierungen an der Volksbühne Theatergeschichte schrieb und sich in den vergangenen Jahren u.a. mit seinem Bayreuther RING DES NIBELUNGEN stärker dem Musiktheater zugewandt hat, legt mit LA FORZA DEL DESTINO nun endlich auch seine erste Opernregie in Berlin vor.


Kategorie: Oper

Seit seiner Uraufführung am 18. Juni 1821 im Schauspielhaus Berlin fasziniert Carl Maria von Webers FREISCHÜTZ Zuschauer und Künstler. Als erste deutsche Nationaloper immer wieder als naive Spukerzählung in einer vermeintlich idyllischen Jäger- und Bauernwelt rezipiert, brechen sich in der zentralen Wolfsschluchtszene für alle hörbar die Nachtseiten des Lebens ihre Bahn. „Das ist nicht der Böhmerwald, wo meine Wiege stand, sondern beginnendes Grauen, Zauber aus der Frühzeit der entzauberten Welt“, schrieb schon 1962 Theodor W. Adorno. Max kann nicht mehr: Aufgerieben zwischen Erfolgsdruck und Erwartungshaltungen rettet er sich in die Wolfsschlucht. Dort, des Nachts im verbotenen Wald, passiert das Unerhörte, Unerwartete – der Bund mit dem Teufel selbst. Sieben Freikugeln scheinen Max’ Ausweg zu sein und ziehen ihn doch nur tiefer ins Verderben. In der Wolfsschluchtszene verschmilzt Weber Melodram, Naturbeschreibung und großes Opernfinale – als genuine Theatermusik schreit diese Partitur nach szenischer Radikalität. Ausgehend von Friedrich Kinds FREISCHÜTZ-Libretto und Webers Musik nähern sich Komponist Malte Giesen und Regisseur Paul-Georg Dittrich den Schattenseiten unserer Wünsche an. Sieben Kugeln werden Max versprochen, sieben Stationen hat der Musiktheaterabend in der Tischlerei. Mit drei Sängern, Kinderchor, zwei Hörnern, Klavier und Elektronik werden die Aggregatzustände von Wut, Trauer, Angst und Hoffnung erfahrbar gemacht.


Kategorie: Oper

König Gustaf III. hält seine Morgenaudienz, als wäre es eine Theatervorstellung. Der Page Oskar überreicht dem König die Gästeliste eines bevorstehenden Maskenballs. Gustaf entdeckt darauf den Namen Amelias, der Frau seines besten Freundes René Anckarström, die er heimlich liebt. Eine Verschwörung gegen den König bahnt sich an. René warnt ihn, aber der König unterschätzt die Gefahr. Auch den Orakelspruch der Wahrsagerin Ulrika, die ihm weissagt, dass er getötet werden wird von dem, der ihm zuerst die Hand reichen wird, nimmt er nicht ernst, ist es doch sein Freund René Anckarström, der ihn mit Handschlag begrüßt. Als sich Gustaf und Amelia um Mitternacht auf der Richtstätte ihre Liebe gestehen, taucht René unerwartet auf, um den Freund erneut zu warnen. Er tauscht den Mantel mit dem König, damit dieser unerkannt fliehen kann und verspricht, die verschleierte Unbekannte zurück zur Stadt zu geleiten. Die Verschwörer kommen und greifen den vermeintlichen König an. René gibt sich zu erkennen. Seine Frau Amelia wirft sich zwischen die Kämpfenden und lässt dabei ihren Schleier fallen. Als betrogener Ehemann verspottet, will sich René den Verschwörern anschließen. Als der Page Oskar des Königs Einladung zum Maskenball bringt, beschließt er, den Ball für Gustaf zum Totentanz werden zu lassen, ohne zu wissen, dass sich der König bereits gegen die Liebe und für die Pflicht entschieden hat. Als er von Amelia Abschied nimmt, wird er von René erschossen. UN BALLO IN MASCHERA gilt als Musterbeispiel für Verdis neue Ästhetik der verità, die ein breites Spektrum musikalisch-dramatischer Facetten entwickelt. Der tragischen Liebesbeziehung zwischen König Gustaf III. und Amelia, die einem Verhängnis gleicht, wird als Kontrapunkt die strahlende Hofatmosphäre, vor allem repräsentiert durch den Pagen Oskar, gegenübergestellt. Dramatischer Höhepunkt ist das Finale des 3. Aktes: Auf dem Maskenball der Hofgesellschaft finden sich mit dem Grafen René Anckarström auch die Verschwörer ein, die beiden Handlungsstränge durchdringen sich gegenseitig. Vor dem Hintergrund eleganter Tanzmusik entwickelt sich die Katastrophe. Die letzte Begegnung zwischen Amelia und Gustaf wird begleitet von einem stilisierten Menuett, nur einmal unterbrochen durch eine angstgeladene Musik, wenn Amelia um das Leben des Geliebten fürchtet. Die zwischen Begehren und Gewissensqual wechselnden Gefühle der beiden Hauptfiguren spiegelt die Vielfalt der musikalischen Gestaltung: musikalische Kontraste, scharfe Punktierungen und Synkopenbildungen bringen die Intensität der Gefühle zum Ausdruck. Das Drama vollzieht sich vor allem in der Musik. Götz Friedrich und seine beiden Ausstatter lassen es darüber hinaus durch ihre Bühnengestaltung und eine ausgefeilte Personenregie auch auf der Bühne sicht- und erfahrbar werden.


Kategorie: Oper

Es kann beruhigend sein zu wissen, dass die Tränen, die auf der Bühne vergossen werden, falsch sind, dass die Gefühle nur gespielt sind und die Schmerzen von den Darstellern nicht wirklich durchlitten werden. Beruhigung aber ist nicht die Sache der jungen italienischen Komponisten an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, im Gegenteil: aufrütteln wollten sie die Zuschauer, sie hineinziehen in den Strudel der Gefühle, sie überrumpeln mit den komischen und tragischen Wendungen, die ihre dem Leben abgeschauten Geschichten nehmen. In der literarischen Bewegung des ‚verismo’ [abgeleitet aus ‚il vero’ = das Wahre/die Wahrheit] fanden sie ihr Anliegen vorgeformt, und es ist nur konsequent, dass Pietro Mascagni als Vorlage für seinen Erstling eine Novelle von deren Hauptvertreter Giovanni Verga auswählte. Cavalleria rusticana [der deutsche Titel ist: Sizilianische Bauernehre] hatte seine Bühnentauglichkeit schon in einer Dramatisierung unter Beweis gestellt, die auch in Mascagnis Heimatstadt Livorno gezeigt wurde. 1880 war die Erzählung erschienen in der Sammlung Vita dei campi, was eigentlich Leben auf dem Lande heißt, wegen der Herkunft des Autors in der deutschen Übersetzung jedoch meist Sizilianische Dorfgeschichten genannt wird. Mühelos gewann Mascagni mit seinem Erstling den Kompositionswettbewerb, den der Verleger Sonzogno 1888/89 für Operneinakter ausgeschrieben hatte. Die überaus erfolgreiche Uraufführung im römischen Teatro Costanzi am 17. Mai 1890 darf als Geburtsstunde des musikalischen ‚verismo’ gelten. Zwei Jahre später erst schrieb Ruggero Leoncavallo die Kurzoper PAGLIACCI mit dem berühmten Prolog. Der deutsche Titel DER BAJAZZO setzt richtigerweise die Hauptfigur in die Einzahl, die Mehrzahl im italienischen Original wurde von dem berühmten Sänger Victor Maurel erzwungen, der als Tonio den Prolog zu singen hatte und dessen Rolle sonst im Titel des Werks nicht erschienen wäre. Der gesungene Prolog enthalt das Credo des ‚verismo’: „Der Künstler ist ein Mensch und muss für Menschen schreiben. [...] Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut und wir atmen genauso wie Ihr den Hauch dieser verlorenen Welt.“ Der dialektische Kunstgriff Leoncavallos ist, dass in seiner den „Vermischten Meldungen“ einer Zeitung ähnelnden Geschichte die Tragödie sich gerade deshalb zuspitzt, weil der Darsteller des Bajazzo Spiel und Ernst nicht mehr zu trennen vermag. Die Kombination dieser beiden Kulminationspunkte des musikalischen „verismo“ zum Doppelabend, im Englischen mit dem Kürzel CAV & PAG versehen, hat sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts eingebürgert. Wie Zwillinge gleichen sie sich und konnten doch nicht unterschiedlicher sein: die Ouvertüre wird durch Gesang unterbrochen, ein Zwischenspiel verbindet die beiden Akte [ja, natürlich ist CAVALLERIA RUSTICANA auch ein Zweiakter, nur die Wettbewerbsbedingungen forderten, dass auf dem Titelblatt ‚in einem Akt’ steht!], süditalienisches Ambiente in der Gegenwart der Autoren, Genreszenen der Chöre mit Beschreibung von Orangenduft oder Kirchenglocken. Sonst aber: spätes Aufblühen von Belcanto bei Mascagni, Leitmotive und vielfältige Orchestereffekte bei Leoncavallo, Dominanz der Kirche und der engstirnigen Moral fast wie bei Garcia Lorca hier und pralles Leben mit Lust auf Zerstreuung dort.


Kategorie: Oper

Seit seiner Uraufführung am 18. Juni 1821 im Schauspielhaus Berlin fasziniert Carl Maria von Webers FREISCHÜTZ Zuschauer und Künstler. Als erste deutsche Nationaloper immer wieder als naive Spukerzählung in einer vermeintlich idyllischen Jäger- und Bauernwelt rezipiert, brechen sich in der zentralen Wolfsschluchtszene für alle hörbar die Nachtseiten des Lebens ihre Bahn. „Das ist nicht der Böhmerwald, wo meine Wiege stand, sondern beginnendes Grauen, Zauber aus der Frühzeit der entzauberten Welt“, schrieb schon 1962 Theodor W. Adorno. Max kann nicht mehr: Aufgerieben zwischen Erfolgsdruck und Erwartungshaltungen rettet er sich in die Wolfsschlucht. Dort, des Nachts im verbotenen Wald, passiert das Unerhörte, Unerwartete – der Bund mit dem Teufel selbst. Sieben Freikugeln scheinen Max’ Ausweg zu sein und ziehen ihn doch nur tiefer ins Verderben. In der Wolfsschluchtszene verschmilzt Weber Melodram, Naturbeschreibung und großes Opernfinale – als genuine Theatermusik schreit diese Partitur nach szenischer Radikalität. Ausgehend von Friedrich Kinds FREISCHÜTZ-Libretto und Webers Musik nähern sich Komponist Malte Giesen und Regisseur Paul-Georg Dittrich den Schattenseiten unserer Wünsche an. Sieben Kugeln werden Max versprochen, sieben Stationen hat der Musiktheaterabend in der Tischlerei. Mit drei Sängern, Kinderchor, zwei Hörnern, Klavier und Elektronik werden die Aggregatzustände von Wut, Trauer, Angst und Hoffnung erfahrbar gemacht.


Kategorie: Oper

Als erste „moderne“ Oper, die aus Ideen und nicht aus einzelnen Nummern bestünde, ordnete Giuseppe Verdi selbst seine 1862 uraufgeführte FORZA DEL DESTINO ein. Tatsächlich bezieht das gesamte Werk seine Antriebskraft aus der Polarität zweier entgegengesetzter Gefühlswelten, die die Hauptfiguren geradezu obsessiv beherrschen: Auf der einen Seite die vermeintliche Schuld am Tode von Leonoras Vater, die auf ihr und ihrem Geliebten Alvaro lastet. Auf der anderen Seite der Rachedurst, der Leonoras Bruder Carlo dazu treibt, die beiden über alle Grenzen hinweg zu verfolgen. Über drei Stunden hinweg entspinnt sich eine bedingungslose Verfolgungsjagd, die die drei Hauptfiguren durch eine Welt führt, die immer mehr aus den Fugen gerät. In wüsten Massenszenen erleben wir eine enthemmte Gesellschaft, in der nur noch das blanke Überleben zählt und die Gewalt jegliche Moral ersetzt hat. Selbst die Autorität der Kirche, in deren Armen Leonora und Alvaro Schutz suchen, erweist sich als brüchig und ist der „Macht des Schicksals“, der Energie des Bösen unterlegen. Damit ist LA FORZA DEL DESTINO Verdis verstörendste Oper, deren Aktualität auch im 21. Jahrhundert immer wieder durch neue Bürgerkriege und Gewalttaten bekräftigt wird. Die letzte Inszenierung dieses Werks an der Deutschen Oper Berlin ist Legende: Hans Neuenfels’ radikal aktualisierte Version polarisierte 1982 das Publikum. Nun setzt sich ein weiterer großer deutscher Regisseur mit dem Stoff auseinander: Frank Castorf, der ein Vierteljahrhundert mit seinen Inszenierungen an der Volksbühne Theatergeschichte schrieb und sich in den vergangenen Jahren u.a. mit seinem Bayreuther RING DES NIBELUNGEN stärker dem Musiktheater zugewandt hat, legt mit LA FORZA DEL DESTINO nun endlich auch seine erste Opernregie in Berlin vor.


Kategorie: Oper

Seit seiner Uraufführung am 18. Juni 1821 im Schauspielhaus Berlin fasziniert Carl Maria von Webers FREISCHÜTZ Zuschauer und Künstler. Als erste deutsche Nationaloper immer wieder als naive Spukerzählung in einer vermeintlich idyllischen Jäger- und Bauernwelt rezipiert, brechen sich in der zentralen Wolfsschluchtszene für alle hörbar die Nachtseiten des Lebens ihre Bahn. „Das ist nicht der Böhmerwald, wo meine Wiege stand, sondern beginnendes Grauen, Zauber aus der Frühzeit der entzauberten Welt“, schrieb schon 1962 Theodor W. Adorno. Max kann nicht mehr: Aufgerieben zwischen Erfolgsdruck und Erwartungshaltungen rettet er sich in die Wolfsschlucht. Dort, des Nachts im verbotenen Wald, passiert das Unerhörte, Unerwartete – der Bund mit dem Teufel selbst. Sieben Freikugeln scheinen Max’ Ausweg zu sein und ziehen ihn doch nur tiefer ins Verderben. In der Wolfsschluchtszene verschmilzt Weber Melodram, Naturbeschreibung und großes Opernfinale – als genuine Theatermusik schreit diese Partitur nach szenischer Radikalität. Ausgehend von Friedrich Kinds FREISCHÜTZ-Libretto und Webers Musik nähern sich Komponist Malte Giesen und Regisseur Paul-Georg Dittrich den Schattenseiten unserer Wünsche an. Sieben Kugeln werden Max versprochen, sieben Stationen hat der Musiktheaterabend in der Tischlerei. Mit drei Sängern, Kinderchor, zwei Hörnern, Klavier und Elektronik werden die Aggregatzustände von Wut, Trauer, Angst und Hoffnung erfahrbar gemacht.


Kategorie: Oper

Seit seiner Uraufführung am 18. Juni 1821 im Schauspielhaus Berlin fasziniert Carl Maria von Webers FREISCHÜTZ Zuschauer und Künstler. Als erste deutsche Nationaloper immer wieder als naive Spukerzählung in einer vermeintlich idyllischen Jäger- und Bauernwelt rezipiert, brechen sich in der zentralen Wolfsschluchtszene für alle hörbar die Nachtseiten des Lebens ihre Bahn. „Das ist nicht der Böhmerwald, wo meine Wiege stand, sondern beginnendes Grauen, Zauber aus der Frühzeit der entzauberten Welt“, schrieb schon 1962 Theodor W. Adorno. Max kann nicht mehr: Aufgerieben zwischen Erfolgsdruck und Erwartungshaltungen rettet er sich in die Wolfsschlucht. Dort, des Nachts im verbotenen Wald, passiert das Unerhörte, Unerwartete – der Bund mit dem Teufel selbst. Sieben Freikugeln scheinen Max’ Ausweg zu sein und ziehen ihn doch nur tiefer ins Verderben. In der Wolfsschluchtszene verschmilzt Weber Melodram, Naturbeschreibung und großes Opernfinale – als genuine Theatermusik schreit diese Partitur nach szenischer Radikalität. Ausgehend von Friedrich Kinds FREISCHÜTZ-Libretto und Webers Musik nähern sich Komponist Malte Giesen und Regisseur Paul-Georg Dittrich den Schattenseiten unserer Wünsche an. Sieben Kugeln werden Max versprochen, sieben Stationen hat der Musiktheaterabend in der Tischlerei. Mit drei Sängern, Kinderchor, zwei Hörnern, Klavier und Elektronik werden die Aggregatzustände von Wut, Trauer, Angst und Hoffnung erfahrbar gemacht.


Kategorie: Oper

König Gustaf III. hält seine Morgenaudienz, als wäre es eine Theatervorstellung. Der Page Oskar überreicht dem König die Gästeliste eines bevorstehenden Maskenballs. Gustaf entdeckt darauf den Namen Amelias, der Frau seines besten Freundes René Anckarström, die er heimlich liebt. Eine Verschwörung gegen den König bahnt sich an. René warnt ihn, aber der König unterschätzt die Gefahr. Auch den Orakelspruch der Wahrsagerin Ulrika, die ihm weissagt, dass er getötet werden wird von dem, der ihm zuerst die Hand reichen wird, nimmt er nicht ernst, ist es doch sein Freund René Anckarström, der ihn mit Handschlag begrüßt. Als sich Gustaf und Amelia um Mitternacht auf der Richtstätte ihre Liebe gestehen, taucht René unerwartet auf, um den Freund erneut zu warnen. Er tauscht den Mantel mit dem König, damit dieser unerkannt fliehen kann und verspricht, die verschleierte Unbekannte zurück zur Stadt zu geleiten. Die Verschwörer kommen und greifen den vermeintlichen König an. René gibt sich zu erkennen. Seine Frau Amelia wirft sich zwischen die Kämpfenden und lässt dabei ihren Schleier fallen. Als betrogener Ehemann verspottet, will sich René den Verschwörern anschließen. Als der Page Oskar des Königs Einladung zum Maskenball bringt, beschließt er, den Ball für Gustaf zum Totentanz werden zu lassen, ohne zu wissen, dass sich der König bereits gegen die Liebe und für die Pflicht entschieden hat. Als er von Amelia Abschied nimmt, wird er von René erschossen. UN BALLO IN MASCHERA gilt als Musterbeispiel für Verdis neue Ästhetik der verità, die ein breites Spektrum musikalisch-dramatischer Facetten entwickelt. Der tragischen Liebesbeziehung zwischen König Gustaf III. und Amelia, die einem Verhängnis gleicht, wird als Kontrapunkt die strahlende Hofatmosphäre, vor allem repräsentiert durch den Pagen Oskar, gegenübergestellt. Dramatischer Höhepunkt ist das Finale des 3. Aktes: Auf dem Maskenball der Hofgesellschaft finden sich mit dem Grafen René Anckarström auch die Verschwörer ein, die beiden Handlungsstränge durchdringen sich gegenseitig. Vor dem Hintergrund eleganter Tanzmusik entwickelt sich die Katastrophe. Die letzte Begegnung zwischen Amelia und Gustaf wird begleitet von einem stilisierten Menuett, nur einmal unterbrochen durch eine angstgeladene Musik, wenn Amelia um das Leben des Geliebten fürchtet. Die zwischen Begehren und Gewissensqual wechselnden Gefühle der beiden Hauptfiguren spiegelt die Vielfalt der musikalischen Gestaltung: musikalische Kontraste, scharfe Punktierungen und Synkopenbildungen bringen die Intensität der Gefühle zum Ausdruck. Das Drama vollzieht sich vor allem in der Musik. Götz Friedrich und seine beiden Ausstatter lassen es darüber hinaus durch ihre Bühnengestaltung und eine ausgefeilte Personenregie auch auf der Bühne sicht- und erfahrbar werden.


Kategorie: Oper

Als erste „moderne“ Oper, die aus Ideen und nicht aus einzelnen Nummern bestünde, ordnete Giuseppe Verdi selbst seine 1862 uraufgeführte FORZA DEL DESTINO ein. Tatsächlich bezieht das gesamte Werk seine Antriebskraft aus der Polarität zweier entgegengesetzter Gefühlswelten, die die Hauptfiguren geradezu obsessiv beherrschen: Auf der einen Seite die vermeintliche Schuld am Tode von Leonoras Vater, die auf ihr und ihrem Geliebten Alvaro lastet. Auf der anderen Seite der Rachedurst, der Leonoras Bruder Carlo dazu treibt, die beiden über alle Grenzen hinweg zu verfolgen. Über drei Stunden hinweg entspinnt sich eine bedingungslose Verfolgungsjagd, die die drei Hauptfiguren durch eine Welt führt, die immer mehr aus den Fugen gerät. In wüsten Massenszenen erleben wir eine enthemmte Gesellschaft, in der nur noch das blanke Überleben zählt und die Gewalt jegliche Moral ersetzt hat. Selbst die Autorität der Kirche, in deren Armen Leonora und Alvaro Schutz suchen, erweist sich als brüchig und ist der „Macht des Schicksals“, der Energie des Bösen unterlegen. Damit ist LA FORZA DEL DESTINO Verdis verstörendste Oper, deren Aktualität auch im 21. Jahrhundert immer wieder durch neue Bürgerkriege und Gewalttaten bekräftigt wird. Die letzte Inszenierung dieses Werks an der Deutschen Oper Berlin ist Legende: Hans Neuenfels’ radikal aktualisierte Version polarisierte 1982 das Publikum. Nun setzt sich ein weiterer großer deutscher Regisseur mit dem Stoff auseinander: Frank Castorf, der ein Vierteljahrhundert mit seinen Inszenierungen an der Volksbühne Theatergeschichte schrieb und sich in den vergangenen Jahren u.a. mit seinem Bayreuther RING DES NIBELUNGEN stärker dem Musiktheater zugewandt hat, legt mit LA FORZA DEL DESTINO nun endlich auch seine erste Opernregie in Berlin vor.


Kategorie: Oper

Seit seiner Uraufführung am 18. Juni 1821 im Schauspielhaus Berlin fasziniert Carl Maria von Webers FREISCHÜTZ Zuschauer und Künstler. Als erste deutsche Nationaloper immer wieder als naive Spukerzählung in einer vermeintlich idyllischen Jäger- und Bauernwelt rezipiert, brechen sich in der zentralen Wolfsschluchtszene für alle hörbar die Nachtseiten des Lebens ihre Bahn. „Das ist nicht der Böhmerwald, wo meine Wiege stand, sondern beginnendes Grauen, Zauber aus der Frühzeit der entzauberten Welt“, schrieb schon 1962 Theodor W. Adorno. Max kann nicht mehr: Aufgerieben zwischen Erfolgsdruck und Erwartungshaltungen rettet er sich in die Wolfsschlucht. Dort, des Nachts im verbotenen Wald, passiert das Unerhörte, Unerwartete – der Bund mit dem Teufel selbst. Sieben Freikugeln scheinen Max’ Ausweg zu sein und ziehen ihn doch nur tiefer ins Verderben. In der Wolfsschluchtszene verschmilzt Weber Melodram, Naturbeschreibung und großes Opernfinale – als genuine Theatermusik schreit diese Partitur nach szenischer Radikalität. Ausgehend von Friedrich Kinds FREISCHÜTZ-Libretto und Webers Musik nähern sich Komponist Malte Giesen und Regisseur Paul-Georg Dittrich den Schattenseiten unserer Wünsche an. Sieben Kugeln werden Max versprochen, sieben Stationen hat der Musiktheaterabend in der Tischlerei. Mit drei Sängern, Kinderchor, zwei Hörnern, Klavier und Elektronik werden die Aggregatzustände von Wut, Trauer, Angst und Hoffnung erfahrbar gemacht.


Kategorie: Oper

Auf einem Fest, zu dem Violetta Valery, luxuriös ausgehalten von Baron Douphol, nach scheinbarer Genesung von einer schweren Krankheit eingeladen hat, begegnet sie Alfredo Germont und einer Liebe, für die es in ihrer Welt keinen Platz gibt. Sie kehrt ihrem alten Leben den Rücken und zieht mit Alfredo aufs Land. Als Alfredos Vater von ihr verlangt, auf den Sohn zu verzichten, um die Hochzeit der jüngeren Schwester nicht durch ihren schlechten Ruf zu gefährden, gibt sie verzweifelt nach und schreibt Alfredo einen Abschiedsbrief. Auf einem Ball ihrer Freundin Flora kommt es zu einem Skandal: Violetta will Alfredo glauben lassen, dass sie den Baron Douphol liebt. In seiner Eifersucht schleudert ihr Alfredo das beim Spiel gewonnene Geld vor die Füße, als „Lohn für ihre Liebesdienste“. Einen Monat später, als in Paris der Karneval tobt, liegt Violetta im Sterben. Alfredo kommt zurück – sein Vater hat ihm die Wahrheit über Violettas Trennungsgrund gesagt. Violetta verzeiht, gibt Alfredo frei und stirbt. Stoffvorlage für Verdis einzige Oper, die in der bürgerlichen Lebenswelt von Paris um 1847 spielt, war der viel beachtete Roman La dame aux camélias von Alexandre Dumas dem Jüngeren, der das Schicksal der am 3. Februar 1847 im Alter von 23 Jahren an Tuberkulose verstorbenen Edelkurtisane Marie Duplessis zum Thema einer kritischen Studie über die Pariser Halbwelt gemacht hat. Während in Dumas´ Schauspiel die Hauptfiguren in einem dichten Beziehungsgeflecht agieren, verzichteten Verdi und sein Librettist Francesco Maria Piave auf alles, was nicht unmittelbar mit dem Konflikt zwischen Violetta, Alfredo und dem Vater Giorgio Germont zu tun hat. Das ganz auf innere Bewegungen verlagerte Drama konzentriert sich auf die drei Stadien, die Violetta Valery durchlebt: Liebe, Verzicht und Tod. Götz Friedrich hat der Tragödie die Atmosphäre eines Requiems verliehen, indem er die Leidensgeschichte der Violetta als Rückblende erzählt. Schon während des Vorspiels sieht man Violetta auf der kargen Bühne, die einem monumentalen Grabmal gleicht, auf ihrem weißen Sterbebett liegen. Zu Beginn ihres Festes erhebt sie sich vom Bett, das flugs in eine Salonliege umfunktioniert wird, stülpt sich ein Ballkleid über – und durch die plötzlich aufbrechenden Türen tänzelt die vergnügungssüchtige Pariser Halbwelt herein. Erzählt wird die Geschichte ganz ohne Sentimentalität, ohne jeden Anflug von trivialer Direktheit. Konsequent wird das innere Bild des Dramas aufgerollt und die Untergangs- und Todesstimmung des Werkes zum Tragen gebracht.


Kategorie: Oper

Unsere Führungen durch das Zuschauerhaus und über die Bühnen sowie durch die Probenräume und das Bühnenbildmagazin der Deutschen Oper Berlin vermitteln Ihnen spannende Eindrücke und Wissenswertes über die Deutsche Oper Berlin und den Alltag hinter den Kulissen. Welches architektonische Konzept verbirgt sich hinter der langen Waschbeton-Fassade an der Bismarckstraße? Wie entsteht ein Bühnenbild? Wie laufen Proben ab? Erfahren Sie außerdem Details zur bewegten Geschichte des Hauses, das heute mit seinen modernen Neuinszenierungen und den frühen Repertoireschätzen einen Querschnitt durch über 40 Jahre Inszenierungs- und Aufführungspraxis zu bieten hat.


Kategorie: Führung

Als erste „moderne“ Oper, die aus Ideen und nicht aus einzelnen Nummern bestünde, ordnete Giuseppe Verdi selbst seine 1862 uraufgeführte FORZA DEL DESTINO ein. Tatsächlich bezieht das gesamte Werk seine Antriebskraft aus der Polarität zweier entgegengesetzter Gefühlswelten, die die Hauptfiguren geradezu obsessiv beherrschen: Auf der einen Seite die vermeintliche Schuld am Tode von Leonoras Vater, die auf ihr und ihrem Geliebten Alvaro lastet. Auf der anderen Seite der Rachedurst, der Leonoras Bruder Carlo dazu treibt, die beiden über alle Grenzen hinweg zu verfolgen. Über drei Stunden hinweg entspinnt sich eine bedingungslose Verfolgungsjagd, die die drei Hauptfiguren durch eine Welt führt, die immer mehr aus den Fugen gerät. In wüsten Massenszenen erleben wir eine enthemmte Gesellschaft, in der nur noch das blanke Überleben zählt und die Gewalt jegliche Moral ersetzt hat. Selbst die Autorität der Kirche, in deren Armen Leonora und Alvaro Schutz suchen, erweist sich als brüchig und ist der „Macht des Schicksals“, der Energie des Bösen unterlegen. Damit ist LA FORZA DEL DESTINO Verdis verstörendste Oper, deren Aktualität auch im 21. Jahrhundert immer wieder durch neue Bürgerkriege und Gewalttaten bekräftigt wird. Die letzte Inszenierung dieses Werks an der Deutschen Oper Berlin ist Legende: Hans Neuenfels’ radikal aktualisierte Version polarisierte 1982 das Publikum. Nun setzt sich ein weiterer großer deutscher Regisseur mit dem Stoff auseinander: Frank Castorf, der ein Vierteljahrhundert mit seinen Inszenierungen an der Volksbühne Theatergeschichte schrieb und sich in den vergangenen Jahren u.a. mit seinem Bayreuther RING DES NIBELUNGEN stärker dem Musiktheater zugewandt hat, legt mit LA FORZA DEL DESTINO nun endlich auch seine erste Opernregie in Berlin vor.


Kategorie: Oper

Als Vorbereitung auf den Vorstellungsbesuch bieten wir Workshops für Kinder mit einem Eltern- oder Großelternteil an. Dabei ist Mitmachen gefragt: Mit Stimme, Theaterspiel und einfachen Instrumenten entdeckt Ihr das Stück und die Inszenierung.


Kategorie: Crossover

„Va, pensiero, sull’ali dorate“ – „Flieg‘, Gedanke, auf goldenen Flügeln“ – als der Chor der Mailänder Scala am 9. März 1842 zum ersten Mal die Zeilen des Hebräerchors im dritten Akt von Giuseppe Verdis neuer Oper NABUCCO intonierte, schrieb er ein Stück Musikgeschichte. Der „Gefangenenchor“ wird noch heute von vielen Italienern für die Nationalhymne ihres Landes gehalten und der junge Komponist wurde zum Hoffnungsträger der Opernszene. Das Drama um die babylonische Gefangenschaft des Volkes Israel unter König Nebukadnezar ist eine der beliebtesten Opern Verdis und wurde an der Deutschen Oper Berlin zuletzt vor 13 Jahren von Hans Neuenfels kontrovers in Szene gesetzt. Im Verdi-Jahr 2013 stellte mit Keith Warner einer der bekanntesten Regisseure der internationalen Opernszene seine Annäherung an den Stoff vor: Der Brite inszenierte unter anderem LOHENGRIN bei den Bayreuther Festspielen und den RING DES NIBELUNGEN an Covent Garden und leitete zuletzt die Oper Kopenhagen. Orientiert an der Entstehungszeit des Stückes, die durch den Umbruch von feudalen Strukturen zur bürgerlich-industriellen Gesellschaft geprägt war, stellt Warner den Gegensatz zweier Völker in den Vordergrund seiner Inszenierung: der Hebräer, deren Kultur durch Schrift und ein demokratisches Bildungsideal geprägt ist, und der militaristischen Babylonier, deren Staatsverständnis auf einem autokratischen Herrschaftssystem beruht.


Kategorie: Oper


Änderungen vorbehalten! - Angaben ohne Gewähr! - Stand:31.08.19
© Fotos der Vorstellungen: [+][-]
Don Giovanni(2015 Bettina Stöß/2015 Bettina Stöß) Opernwerkstatt(2010 Bettina Stöß/2010 Bettina Stöß) Adriana Lecouvreur (konzertant)(Vladimir Shirokov/Vladimir Shirokov) La forza del destino(Sarah Rubensdorfer/Sarah Rubensdorfer) Cavalleria rusticana / Pagliacci(Bettina Stöß/Bettina Stöß) Familienführung(Bettina Stöß/Bettina Stöß) Wolfsschlucht(Kai Wido Meyer/Kai Wido Meyer) Un ballo in maschera(2016 Marcus Lieberenz/2016 Marcus Lieberenz) Sonderkonzert – Musikfest Berlin in der Philharmonie(Uwe Arens / Sony Classical/Uwe Arens / Sony Classical) La Traviata(Marcus Lieberenz/Marcus Lieberenz) Familien-Workshop(Stephan Bögel/Stephan Bögel) Nabucco(2013 Bernd Uhlig/2013 Bernd Uhlig)

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